AWO Beratungsstellen für Geflüchtete stehen vor großen Herausforderungen


Corona und Fördermittelkürzung beeinflussen Beratung

Die Corona-Pandemie hat die Beratung im Psychosozialen Zentrum stark verändert. Statt auf persönliche Gespräche wie auf diesem Archivfoto, setzt Therapeutin Martina Mura nun überwiegend auf digitale und telefonische Lösungen.

Laut der UN Refugee Agency waren Mitte 2020 fast 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht – das entspricht mehr als einem Prozent der Weltbevölkerung. Der Welttag der Migranten und Flüchtlinge am 17.01.2021 erinnert daran, dass hinter dieser erschreckend hohen Zahl Millionen Einzelschicksale stehen, zu deren ständigen Begleitern oftmals Krieg, Verfolgung, Folter und Angst gehören. Den weltweiten Aktionstag nahmen die Beratungsstellen für Geflüchtete des AWO Kreisverbandes Siegen Wittgenstein/Olpe nun zum Anlass, das vergangene Jahr zu rekapitulieren, aber auch um einen Ausblick in eine ungewisse Zukunft zu wagen.

Den größten Einfluss auf die Beratungssituationen, hatte in 2020 wohl ausnahmelos die Corona-Pandemie, so Matthias Hess, Abteilungsleiter der AWO Bürgerdienste. „Für alle Kolleginnen und Kollegen in den Beratungsstellen war von Anfang an klar, dass sie trotz der schwierigen Umstände weiterhin so gut wie möglich für die Klienten da sein wollten. Wir haben gemeinsam gute Wege und kreative Lösungen gefunden, das Beratungsangebot auch während der schweren Monate der Pandemie immer aufrechterhalten zu können. “

Im Psychosozialen Zentrum (PSZ), in dem traumatisierte Geflüchtete dabei begleitet werden, ihre schweren Erlebnisse im Heimatland oder während der Flucht zu verarbeiten, habe man schnell auf digitale und telefonische Beratungsgespräche umstellen können. Dennoch waren viele Klienten verunsichert, berichtet Martina Mura, die im PSZ als Gestalt- und Traumatherapeutin tätig ist. „Wir haben gemeinsam mit dem PSZ-Netzwerk NRW eine zusätzliche Telefonsprechstunde eingerichtet, in der auf sehr vielen verschiedenen Sprachen zum Thema Corona informiert und beraten wurde.“ Für diejenigen, die dringend vor Ort Unterstützung benötigten, standen aber auch die Beratungsräume in der Siegener Sandstraße offen – jederzeit unter Beachtung der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln. Insgesamt konnten in 2020 949 Beratungsgespräche geführt werden, die Klienten werden durchschnittlich ca. ein Jahr lang trauma-pädagogisch betreut.

In der AWO Asylverfahrensberatung und der Dezentralen Beschwerdestelle in Olpe war die Situation eine andere, da diese Angebote räumlich unmittelbar an die Zentrale Unterbringungseinrichtung für Geflüchtete angeschlossen sind. „Die beiden Kollegen waren überwiegend vor Ort tätig und konnten im vergangenen Jahr 1659 Beratungsgespräche durchführen“, so Matthias Hess. Diese Gespräche gehen oftmals über die reine Rechts- und Asylverfahrensberatung hinaus. In nahezu jedem Fall vermitteln die beiden Sozialarbeiter zwischen dem einzelnen Menschen und den zuständigen Behörden. Sie sorgen dafür, dass die betroffenen Personen nicht blind verwaltet werden, sondern sind gerade durch ihre guten Kontakte zu den Ämtern in der Lage, ein Bild des kompletten Menschen mit seinen Sorgen und Nöten hinter dem Aktenzeichen zu vermitteln.

So gut wie die AWO Beratungsstellen für Geflüchtete das Corona-Jahr 2020 gemeistert haben, umso schwieriger startet für sie das neue Jahr. „Eine besondere Herausforderung für 2021 ist die Reduzierung der Personalkostenzuschüsse durch das Land NRW. Aufgrund dessen müssen wir als Träger deutlich erhöhte Eigenanteile aufbringen,“ so Jens Hunecke, stellvertretender Geschäftsführer des AWO Kreisverbandes. „Die neu eingeführte Festbetragsfinanzierung ist auf ein Niveau abgesenkt worden, das erheblich unter unseren tatsächlichen Lohnkosten liegt, die wir nach AWO Tarifvertrag zahlen. Auch mit einer Dynamisierung der Zuschüsse, und damit einer kontinuierlichen Anpassung an die tariflichen Lohnsteigerungen, ist ebenfalls nicht zu rechnen. Wir werden die benötigten Eigenmittel nicht mehr aus eigener Kraft aufbringen können und benötigen dringend Menschen, die unsere Arbeit wertschätzen und finanziell fördern. Denn: Wir wollen uns weiterhin dieser wichtigen öffentlichen Aufgabe stellen und zu einer gelingenden Integration von zugewanderten Menschen in unserem Land beitragen. Einen Wegfall unserer qualitativ hochwertigen, professionellen und bewährten Angebote wollen wir auf jeden Fall vermeiden.“

Der AWO Kreisverband hat vor Kurzem auf der Plattform Betterplace.org eine Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen, um so die Finanzierungslücke zu schließen und die Beratungsangebote für Geflüchtete auch weiterhin in der bekannten Form aufrechterhalten zu können.

Wer die AWO Projekte unterstützen möchte, kommt über die unten stehenden Links zu den Projektseiten auf Betterplace.org:

AWO Asylverfahrensberatung: https://betterplace.org/p89395
Psychosoziales Zentrum für Geflüchtete: https://betterplace.org/p89400

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!